Sonntag, 17 Dezember, 2017

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Volle Konzentration auf die Kernstadt und auf Denzingen

Dagegen soll das Gewerbegebiet Ulmer Straße nicht weiter ausgebaut werden

Die Wirtschaftsvereinigung und der neue strategische Einzelhandelsplan für Günzburg

 


 



Die Kernstadt rund um den Marktplatz soll als Vorsorgungszentrum erhalten und gestärkt werden, lautet eines der Ziele des neuen
Einzelhandelsplans für Günzburg. Die örtliche Wirtschaft fordert dazu mehr Parkplätze.

 


Denzingen

Inzwischen groß, nach Meinung von Geschäftsleuten aus der Innenstadt zu groß: das Gewerbegebiet an der Ulmer Straße/Reindlstraße. An diesem Standort soll keine Erweiterung von Verkaufsflächen mehr zugelassen werden, so das Konzept.

 


Denzingen

Eine wichtige Rolle für die Nahversorgung spielt aus Sicht der Stadt der Stadtteil
Denzingen. Hier kann man sich weiteren zentrumsrelevanten Einzelhandel vorstellen.

 


Denzingen

Der Sonderstandort Donauried:
Viele Beschäftigte,
keine Geschäfte.


„Neuer strategischer Einzelhandelsplan für Günzburg“ – ein sperriger Begriff. Was verbirgt sich dahinter? Es geht um die Entwicklung des Günzburger  Einzelhandels. Wer soll sich künftig wo ansiedeln dürfen? Welche Branchen sollen gestärkt werden? Wo gibt es ein Überangebot? Laut Oberbürgermeister Jauernig soll mit diesem Konzept ein Drehbuch geschrieben werden, „das einen transparenten Handlungsleitfaden für Günzburg darstellt und Regieanweisungen   für alle Akteure enthält“. Peter Schleifer, der Vorsitzende der örtlichen Wirtschaftsvereinigung, bezeichnet den Plan als „Betriebsanleitung, die als Leitlinie für die  Entwicklung und Planung“ Günzburgs dienen soll. Mit dem Einzelhandelsplan hat sich am Mittwochabend die Wirtschaftsvereinigung beschäftigt. Dazu lud sie  Diplom-Ingenieur Philipp Völker vom Büro „Junker und Kruse – Stadtforschung – Planung“ Dortmund ein, der das Konzept erstmals öffentlich vorstellte.  Vorausgegangen waren drei interne Workshops von Stadtrat und Stadtverwaltung, an dem auch die Vertreter der Günzburger Wirtschaft teilnahmen. „Hierbei handelt es sich um einen Entwurf. Beschlossen ist noch nichts“, betonte der Referent. Während des einstündigen Vortrags im Panoramasaal der Volksbank bekamen die knapp 40 Anwesenden eine Flut von Zahlen und Fakten präsentiert. Völker berichtete, dass bei der Bestandsanalyse im Oktober vergangenen  Jahres 50 Einzelsortimente erfasst wurden. Ergebnis: „Der Einzelhandel in Günzburg ist äußerst gut aufgestellt.“214 Einzelhandelsbetrieben seien 84 000  Quadratmeter Gesamtverkaufsfläche  zuzuordnen. Mit 4,3 Quadratmetern pro Einwohner liege die Kreisstadt dreifach über demBundesdurchschnitt. „Diese Verkaufsflächenausstattung birgt eine hohe Wettbewerbsintensität mit sich“, so Völker. Das überdurchschnittliche Angebot erstrecke sich über alle Warengruppen. „Es gibt Warengruppen, in denen das Vierfache der in Günzburg vorhandenen Kaufkraft umgesetzt wird“, sagte der Referent. Günzburg (knapp 20000 Einwohner) habe Kaufkraftpotenzial für 43 000 Einwohner. Deutliches Ungleichgewicht bei den Verkaufsflächen. Bei der Verteilung der Verkaufsflächen stellten die Planer ein deutliches Ungleichgewicht fest. Die Hälfte der Verkaufsfläche befinde sich in „nicht integrierter Lage“. Damit war das Gewerbegebiet Ulmer/ Reindlstraße gemeint, wo es inzwischen 26 Einzelhandelsbetriebe gibt. Während es dort keinen Leerstand gibt, beträgt die Quote in der Kernstadt 16 Prozent. Völker: „Da sollten die Alarmglocken klingeln. Woran liegt das?“ Ziel des Konzepts: Die Kernstadt soll als Versorgungszentrum erhalten werden.  Zentrumsrelevante Einzelhandelsversorgung kann man sich auch in Denzingen vorstellen. Dagegen soll der „Sonderstandort“ Ulmer Straße nicht weiter ausgebaut werden – der Einzelhandel von dort soll eher zurückgehen in die Innenstadt. Auch im Donauried soll kein zentrumsnaher Einzelhandel zugelassen werden –  höchstens zur Nahversorgung. Eine spannende Frage, wie das dann im Detail gelöst wird.

 


Zwei Schritte weiter

Schleifer: Sehr gutes Verhältnis zur Stadt.

Die  Wirtschaftsvereinigung Günzburg ist nach Angaben ihres Vorsitzenden Peter Schleifer sehr engagiert bei Themen, die mittelbar und unmittelbar die örtlichen Unternehmen und Bürger betreffen. So habe man im vergangenen Jahr 20 Termine mit Stadtrat und Stadtverwaltung wahrgenommen und unter anderem an  Workshops teilgenommen. „Unsere Pressearbeit ist nicht ganz so toll. Wir arbeiten mehr hinter den Kulissen“, räumte Schleifer ein. Das Verhältnis zur Stadt  bezeichnete der Vorsitzende als sehr gut. „Unsere Gespräche sind kreativ, sachlich und fachlich geprägt – wir werden gehört.“ In vielen Punkten sei man weiter  als noch vor etwa 17 Jahren. Die erste Messe Günzburg im Donauried sei ein großer Erfolg gewesen, lobte der Vorsitzende. Dieser basiere auf einem sehr  engagierten Unternehmertum dort. An der Organisation der Sterne-Nacht wirkten Susanne Ganser und Stefan Holder vorbildlich mit. An die Verantwortlichen im  Rathaus appellierte er: „Konzentrieren Sie sich auf die Innenstadt!“

 

 


 

 

„Das wäre ein weiterer Dolchstoß in den Rücken des Einzelhandels“

Diskussion Zuhörer lehnen Poller auf dem Marktplatz ab, fordern dagegen massiv bessere Parkmöglichkeiten für die Günzburger Innenstadt

Günzburg Der Einzelhandelsplan für Günzburg, der bei einer Veranstaltung der örtlichen Wirtschaftsvereinigung vorgestellt wurde, hat anschließend eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Susanne Ganser (Modehaus Schild) wies darauf hin, dass die Erhebung von Oktober 2011 stamme. Inzwischen habe sich viel verändert in Günzburg. So siedelte sich im Gewerbegebiet Ulmer Straße/ Reindlstraße C&A an, Schuh Deichmann siedelte um. Laut Ganser ist im Gespräch, dass auch noch NKD kommen soll. „Ist das Konzept schon wieder überholt? Was soll das überhaupt?“, fragte sie. Referent Philipp Völker, der den Einzelhandelsplan präsentiert hatte, antwortete, dass der Plan erst wirksam werden könne, wenn er vom Stadtrat beschlossen worden ist. Apotheker Jan Jaud wollte wissen, wie lange so etwas brauche. Laut Völker ist der Einzelhandelsplan Teil des Stadtentwicklungskonzeptes. Daran arbeite man seit einem Jahr. Inzwischen sei der eine Teil vom anderen abgetrennt worden, damit er möglichst schnell politisch beschlossen werden kann. Notar Martin Wachter sprach die Leerstände im Gewerbegebiet Ulmer Straße („13er“) an. Das komplette Gebiet soll neu überplant werden über Sonderflächen. Bestandsschutz ja, aber kein neuer zentrumsnaher Einzelhandel mehr, forderte er. Georg L. Bucher (Radbrauerei) wollte wissen, ob im Vorfeld im Zusammenhang mit der Konversion Fliegerhorst die Absichten der Stadt Leipheim  abgefragt wurde. Der Referent aus Dortmund teilte mit, dass dies nicht geschehen ist – in keiner Umlandkommune. Man habe sich auf Günzburg konzentriert. Das gilt offensichtlich auch für den Bestand an Anwälten und Ärzten, der nicht berücksichtigt ist, wie Christof Küchle (Firma Küchle) herausfand. Gerhard Flemisch  (Kalka) erinnere daran, dass im Gewerbe- und Industriegebiet Donauried mehr als 1800 Menschen arbeiteten. Dort gibt es nach seiner Aussage inzwischen 14 Einzelhandelsbetriebe und Werksverkäufe. „Es muss eine Grundversorgung der dort arbeitenden Leute geben“, forderte er. Harry Bendl (Baufirma Bendl) hat das Gefühl, dass die Vorgaben konkret in eine Richtung laufen. Das, was die Stadt als Auftraggeber vorgeben habe, sei letztlich im Einzelhandelsplan rausgekommen. Auf die Nachfrage sagte Völker, dass er sich vorstellen könne, dass zur Nahversorgung der Beschäftigten im Donauried dort ein Tankstellen- Shop mit etwa 200  Quadratmetern Verkaufsfläche entstehen kann. Peter Schleifer (Autohaus AHG Schleifer), Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung, versuchte, die aufkommenden Wogen zu glätten. „Es darf kein reiner Verdrängungswettbewerb entstehen: Hier neue Versiegelung, dort neuer Leerstand“, meinte er. Jede  Bauleitplanung, die sich aus dem Konzept ableitet, nutze nichts, wenn versucht werde, sie überall zu umgehen. Schleifer: „Wir dürfen die Innenstadt nicht weiter ausbluten lassen!“ Er sehe durchaus die Gefahr, dass sich die Günzburger Kernstadt immer weiter entleert.  Dem pflichtete Hermann Hutter (Buchhandlung Hutter/Abt) bei. Früher seien in der Innenstadt etwa 19 000 Quadratmeter Verkaufsfläche gewesen. Inzwischen seien „draußen“ 60000 Quadratmeter hinzugekommen. Hinzu kämen die Konkurrenz zu Ulm und das Verschwinden von qualitativem Handel. „Es kommen nur noch komische Büros“, führte der zweite Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung aus. „Vor fünf Jahren war der Marktplatz wesentlich belebter.“ Dort Poller zu installieren, wäre ein weiterer Dolchstoß in  den Rücken des Günzburger Einzelhandels, glaubt er. Eva Flemisch (Kalka/Wirtschaftsjunioren) räumte ein, dass sie manchmal lieber nach Dillingen fahre. „Wenn ich abends in Günzburg noch was einkaufen will, muss ich einmal um die ganze Stadt herum. Wenn ich dann keinen Parkplatz finde, breche ich ab“, sagte sie. Apotheker Jaud riss das Thema Mietpreise an. Sie seien in der Günzburger Innenstadt angeblich sehr teuer. Experte Völker glaubt ganz allgemein, wenn es klare Vorhaben gibt, werden Investoren kommen, die auch mal einen Euro mehr ausgeben. Norbert Frick (Schuhhaus Frick) entgegnete, dass die Mieten in Günzburg  vor Jahren noch um das Dreifache höher gewesen seien, „als die Wirtschaft noch funktioniert hat“. Er habe fünf Jahre lang versucht, Räume in der  Kapuzinergasse zu vermieten. „Von der Wirtschaftsförderstelle der Stadt ist da keine Nachfrage zu uns gekommen. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass  eine Ansiedlung nicht klappt“, kritisierte Frick. Für Claudia Nusser (Bekleidungshaus Nusser) ist klar: „Wir brauchen eine Hanggarage. Das ist momentan das   Wichtigste.“ „Wir verlieren 150 Parkplätze auf dem Lutzareal und gewinnen 80 zu je 22500 Euro“, warf Hutter ein. Wenn die Parkgarage auf dem Lutz-Areal aus  finanziellen Gründen der Blockierer ist für eine Parkierungsanlage auf dem Feustle- Areal, „dann haben wir ein Problem“, sagte Schleifer. „Wir brauchen für die  Entwicklung der Innenstadt nicht entweder/oder, sondern Lösungen, die funktionieren.“ Dazu gehöre eine Parkmöglichkeit, die es ermöglicht, die Innenstadt gut  zu erreichen. Ordnungsamtsleiter Helmut Stammer appellierte an die Geduld der Vorredner. „Lassen Sie die Stadt doch schauen, ob das eine Lösung bringt“,  sagte er und nahm Bezug auf das Projekt Lutz-Areal. Der Bereich Kuhberg/Schlachthausstraße sei sehr wohl im Fokus. Dazu fehlten noch zwei Grundstücke. „Dann könnte man auch was darauf bauen“, so Stammer. Fredhelm Lindenschmitt (Wein und Spezerei Kraatz) schlug vor, die „privilegierten   Parkplätze“ am alten Radbrauereigelände hinter dem Rathaus zu öffnen und die Mitarbeiter an einer anderen Stelle außerhalb der Kernstadt parken zu lassen.„Mit  einem Shuttle könnten die Beamten dann bequem raufgefahren werden und wir hätten genügend Parkplätze“, so Lindenschmitt. Stammer dazu: „Ein   Arbeitnehmer muss auch an Stellplätze für seine Mitarbeiter denken.“ Harry Bendl hält es für Steuerverschwendung, wenn für 80 öffentliche Parkplätze auf dem  Lutz-Areal 1,6 Millionen Euro ausgegeben werden würden. Die Stadt solle doch mal „kreativ über alternative Möglichkeiten nachdenken“, sagte der Bauunternehmer. Die möglichen neuen Parkhäuser wären nach seiner Meinung in beiden Fällen zu klein. Matthäus Ott (Planungsbüro Nething und Ott) ist froh,  dass sich auf dem Lutzareal endlich etwas tut. „In 25 Jahren, seit ich in Günzburg tätig bin, gab es viele Konzepte“, erinnerte er sich. Vorsitzender Schleifer ist   gleicher Meinung. „Jeder von uns ist glücklich über die Bebauung Lutz-Areal. Wir wollen sie. Aber wir wollen versuchen, parktechnisch das Beste daraus zu  machen“, so Schleifer.

 

Poller

 

 

Hermann Hutter (2. Vorsitzender), Referent Philipp Völker und Vorsitzender Peter Schleifer (von links) beschäftigten sich mit dem künftigen Einzelhandelsplan.

 


Poller

 

 

Der Poller beim Finanzamt funktioniert
derzeit nicht. Ein Stuhl „schützt“ ihn.